Was verbindet westfälisches Leinen mit großen Textilhäusern? Warum ist Münster für die Niederlande ein besonderer Ort? Und was steckt hinter der angeblichen Gardinensteuer? Beim Clubabend am 12. Oktober nahm Servaas van der Avoort, Geschäftsführer der Deutsch-Niederländischen Gesellschaft Münster e. V., die Mitglieder des Lions Clubs Münster mit auf eine ebenso informative wie unterhaltsame Reise durch die gemeinsame Geschichte.
Sein Vortrag zeigte, wie Arbeit, Handel und persönliche Begegnungen über Jahrhunderte hinweg eine enge Nachbarschaft entstehen ließen – lange bevor offene Grenzen selbstverständlich wurden.
Auf der Suche nach Arbeit: die Hollandgänger
Für viele Menschen aus Westfalen und benachbarten Regionen begann die Verbindung zu den Niederlanden im 17. Jahrhundert mit der Hoffnung auf ein besseres Auskommen. Als sogenannte Hollandgänger machten sie sich auf den Weg, um die oft kargen Einkünfte aus der heimischen Landwirtschaft aufzubessern.
Bei den westlichen Nachbarn arbeiteten sie unter anderem in der Landwirtschaft, als Torfstecher, in der Fischerei oder als Dienstmädchen in privaten Haushalten. Während viele nach ihrem Arbeitseinsatz zurückkehrten, fanden andere in den Niederlanden eine neue Heimat. Mit ihnen wuchsen auch die persönlichen Beziehungen zwischen beiden Regionen.
Vom Leinen im Gepäck zum großen Textilhaus
Aus dem Umfeld der Hollandgängerei entwickelte sich ein besonders spannendes Kapitel der Wirtschaftsgeschichte: der Töddenhandel. In vielen ländlichen Haushalten wurde während des Winters gesponnen und gewebt. Der Verkauf des Leinens bot einen zusätzlichen Verdienst – und die wohlhabenden Niederlande einen vielversprechenden Absatzmarkt. Dank ihres florierenden Überseehandels erlebten sie im 17. Jahrhundert ihr „Goldenes Zeitalter“.
Im 17. und 18. Jahrhundert entstand ein gut organisiertes Handelsnetz. Die als Tödden bezeichneten Wanderhändler aus dem Tecklenburger Land und benachbarten Regionen verkauften ihre Waren entlang fester Routen, zunächst in den Niederlanden und später auch in anderen Teilen Nordeuropas.
Manche Händler wurden sesshaft und eröffneten eigene Geschäfte. Die familiären Wurzeln bekannter Textilhäuser wie C&A und Peek & Cloppenburg liegen in diesem Umfeld; auch Hettlage und Boecker sind mit der Geschichte der Tödden verbunden. Aus bescheidenen Anfängen wuchsen Unternehmen, deren Namen bis heute bekannt sind.
Doch nicht nur Textilien fanden ihren Weg zu den Nachbarn. Besonders große Baumstämme aus süddeutschen Waldgebieten wurden über den Rhein in die Niederlande geflößt. Diese „Holländer“ waren unter anderem für den Schiffbau begehrt.
Frieden in Münster – ein Wendepunkt für die Niederlande
Für die niederländische Geschichte ist Münster ein besonderer Ort: Der hier 1648 geschlossene spanisch-niederländische Frieden beendete den Achtzigjährigen Krieg und bestätigte die Unabhängigkeit der Vereinigten Niederlande. Die weiteren Verträge des Westfälischen Friedens beendeten im selben Jahr den Dreißigjährigen Krieg.
Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten Vertrauen und nachbarschaftliche Beziehungen neu wachsen. Bereits 1949 entstand die Deutsch-Niederländische Juristenkonferenz, die bis heute jährlich abwechselnd in beiden Ländern stattfindet. Die Deutsch-Niederländische Gesellschaft Münster wurde 1951 wiederbegründet; ihre Vorgängerorganisation bestand bereits seit 1932. Mit Vorträgen, Kulturveranstaltungen, Exkursionen und persönlichen Begegnungen fördert sie das gegenseitige Verständnis.
Weitere Brücken folgten: die 1958 gegründete EUREGIO mit Sitz in Gronau, das 1989 gegründete Zentrum für Niederlande-Studien und das 1995 eröffnete Haus der Niederlande im historischen Krameramtshaus. Auch das seit 1995 in Münster beheimatete I. Deutsch-Niederländische Corps steht für die enge Zusammenarbeit beider Länder.
Eine sportliche Episode durfte ebenfalls nicht fehlen: Während der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 bezog die niederländische Nationalmannschaft ihr Quartier im Hotel Krautkrämer in Münster-Hiltrup. So wurde die Stadt auch ein Stück niederländischer Fußballgeschichte.
Gute Nachbarschaft braucht Begegnungen
Wie bedeutend die Beziehungen bis heute sind, zeigt der Blick auf die Wirtschaft: Im ersten Halbjahr 2026 waren die Niederlande nach China und den USA Deutschlands drittwichtigster Handelspartner im Warenverkehr.
Van der Avoort betonte, dass grenzüberschreitende Initiativen und der Blick über den eigenen Tellerrand gerade heute besonders wichtig seien. Gegenseitiges Verständnis wächst durch Interesse, Gespräche und persönliche Begegnungen. Die vielfältigen Angebote der Deutsch-Niederländischen Gesellschaft laden dazu ein, diese Nachbarschaft aktiv mitzugestalten.
Offene Fenster und ein hartnäckiger Mythos
An den Vortrag schloss sich eine lebhafte Diskussion an. Die zahlreichen Fragen und Beiträge zeigten, wie sehr die spannenden Einblicke in die deutsch-niederländischen Beziehungen das Interesse der Clubmitglieder geweckt hatten.
Dabei kam auch die vermeintliche „Gardinensteuer“ zur Sprache. Unser Lions-Mitglied Johann van Oppen, der mit seinen belgischen Wurzeln mit den kulturellen Besonderheiten unserer Nachbarn vertraut ist, klärte auf: Eine solche Steuer hat es in den Niederlanden nie gegeben – sie ist nur ein Mythos.
Für die oft unverhängten Fenster nannte er eine kulturelle Erklärung: In der protestantischen, insbesondere calvinistisch geprägten Tradition sollten sie Offenheit signalisieren – ganz nach dem Gedanken: „Wir haben nichts zu verbergen.“ So bot auch diese Alltagsgewohnheit einen anschaulichen Anlass, unsere Nachbarn besser kennenzulernen.
Unser herzlicher Dank gilt Servaas van der Avoort. Mit großer Sachkenntnis, persönlichem Engagement und einem feinen Gespür für spannende Geschichten nahm er uns mit auf eine Reise durch die deutsch-niederländischen Beziehungen. Sein Vortrag eröffnete neue Perspektiven, weckte Interesse an unseren Nachbarn und bot reichlich Gesprächsstoff für den anschließenden Austausch.
Adventskalender der Leos: Vorfreude, die hilft
Besonders gefreut haben wir uns auch über den Besuch von Annabell Pospiech, Präsidentin des Leo Clubs Münster, und Lukas Hennes, Sekretär des Clubs. Mit viel Charme und spürbarer Begeisterung stellten sie den diesjährigen Adventskalender vor. Dabei gaben sie Einblicke in die wohltätigen Projekte, die mit den Erlösen unterstützt werden, und machten deutlich, wie ihr Engagement Menschen in unserer Region zugutekommt. Herzlichen Dank, Annabell und Lukas, für euren Besuch und euren Einsatz!

